Bushido und die zweite Chance

Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Ein Hass-Rapper begibt sich freiwillig in die Opferrolle. Bushido fühlt sich ausgegrenzt und unverstanden, nur weil Kritiker ihm keinen Bambi gönnen, und hält bei der Preisverleihung eine bizarre Rede.

Auf seine ganz eigene Art hat es Bushido geschafft, einerseits weiterhin den coolen Rapper zu geben, und sich anderseits als Opfer zu darzustellen. „Opfer“ darf er natürlich nicht sagen, denn in seiner Welt ist das ein Schimpfwort. Aber Opferrolle passt als Umschreibung dieser recht eigenwilligen Perspektive, die Bushido in seiner Dankesrede (hier als Video auf YouTube, hier als Abschrift bei Stefan Niggemeier), wenn er gleich mehrfach über die berühmte „zweite Chance“ fabuliert. Trotzig spricht er ins Mikrofon: „Wenn hier jemand sagt, dass ich keine zweite Chance verdient habe, dann ist das sein gutes Recht.“ Es folgen schwammige Worte, die man so auslegen könnte, als ob er Fehler einräumt, sowie der Vorwurf an seine Kritiker, sie wären ja nicht bereit, Leute wie Bushido zu akzeptieren und tolerieren, nur weil sie seine Meinung nicht teilen. Und dann wieder: „Und es ist mir auch vollkommen egal, wer hier in diesem Raum sagt, ich hab keine zweite Chance verdient. Es interessiert mich nicht.“ Natürlich sind diese Worte kalkuliert gewählt, auch wenn er hinterherschiebt, wie egal ihm das alles sei.

Wie kommt er überhaupt auf die „zweite Chance“?

Wenn es etwas gibt, dass man in diesen 285 Sekunden Sprache als halbwegs geschickten rhetorischen Schachzug bezeichnen kann, dann ist es dies: diese Gleichsetzung von einer „zweiten Chance“ und der Auszeichnung mit einem Medienpreis. Er ist also derjenige, dem die zweite Chance verweigert wird. „Der Arme“, mag man da reflexhaft denken. Aber was ist das bloß für ein Unsinn? Was für eine zweite Chance denn überhaupt? „Zweite Chance geben“ kann vieles heißen: Fehler verzeihen, in Dialog treten, jemandem trotz problematischer Vergangenheit einen Job geben usw. Aber: Zweite Chance ungleich Bambi, so einfach ist das. Bushido ignoriert den Kern aller Kritk, nämlich dass erstens seine schwulen- und frauenfeindlichen Texte in der Vergangenheit eine Spur zu heftig gewesen sein könnten und zweitens bis heute keine glaubwürdige Läuterung eingetreten ist. Diesen entscheidenden Teil der Debatte überspringt er. Stattdessen formuliert er seinen Anspruch auf  „eine zweite Chance“ und tut mit einer irgendwie beeindruckenden Selbstverständlichkeit so, als ob jeder, der eine „zweite Chance“ verdient hat, ganz automatisch auch einen Medienpreis erhalten müsste.

In seinem aktuellen Musikvideo „So mach ich es“ sprengt Bushido ein Auto in die Luft, überfällt eine Bank, knallt reihenweise Menschen ab und besingt den Drogentod. Da wirkt es unfreiwillig komisch, was er gegen Ende seiner Rede beklagt:

Ist das Toleranz, ist das Integration, wenn man mich nicht, als vielleicht jemand, der Kontakt zu Menschen hat, die Sie vielleicht in Ihrem Leben noch nie gesehen haben, einfach nicht benutzt wird, beziehungsweise nicht eingebunden wird in die Bemühungen, einfach ein besseres Deutschland zu schaffen?

Wenn Helmut Schmidt auf demselben Niveau geredet hätte, dann hätte er beklagt, dass dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad merkwürdigerweise mit so viel Misstrauen begegnet wird.

Ein Gedanke zu „Bushido und die zweite Chance

  1. Hannes sagt:

    Hallo zusammen,

    in Berlin gibt es einige Leute, die dem Gossenbarden gar nichts abgewinnen wollen. Mit Kunst und Chance hat der nichts am Hut.

    Sie sind der gleichen Meinung wie die Urteile der Gerichte: dass er viele Ideen und Texte der Songs gestohlen hat.

    Andere sehen ihn sogar als einen Geldwascharm einer arabischen Großfamilie, die nicht nur wegen des Überfalls auf ein großes Pokerturnier auffiel, sondern auch sonst in den Bereichen Rotlicht und BTM gut unterwegs ist.

    Er sollte da vielleicht eine Chance sehen, langsam ein gutes Karma aufzubauen. Vielleicht wird´s ja dann noch mit den verbesserten Meinungen über ihn…

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