Das Missverständnis vom Coming-Out

Beseelt vom Wunsch nach dem knalligen Coming-Out eines Profi-Fußballers schreiben die Medien an der Realität vorbei. Floskeln und Scheindebatten dominieren die Berichterstattung, aber die Antworten auf die entscheidenden Fragen bleiben unausgesprochen: Was ist ein Coming-Out? Worum geht es einem schwulen Bundesliga-Kicker überhaupt? Wenn Funktionäre und Vereine darauf keine Antworten formulieren können, wird diese Diskussion versanden.

Gut zwei Wochen ist es nun her, dass der Fluter das Interview mit einem anonym gebliebenen schwulen Bundesliga-Profi veröffentlicht hat. So groß wie die Aufmerksamkeit ist, bei genauerem Hinsehen ist es enttäuschend, aus welcher Perspektive das Thema angegangen wird.

Symptomatisch der Auftritt von Fußball-Trainer Peter Neururer bei Markus Lanz (im Video ab 48’30“):

Das Problem ist die Tatsache selber, sich zu outen. Ich lauf ja auch nicht da durch und sage: ‚Ich bin hetero.‘ Wen interessiert denn meine Sexualität? Vollkommen uninteressant. Es wird aber thematisiert, wenn einer homosexuell ist.

Was als Plädoyer für Normalität nett gemeint war, offenbart auf der anderen Seite, warum sich diese Diskussion seit Jahren im Kreis dreht. Zu unterschiedlich sind die Vorstellungen, was mit Outen überhaupt gemeint ist. Keiner wünscht es sich, in einer Pressekonferenz auf dem Podium zu sitzen und zu bekennen: „Ich bin schwul, schwul, schwul!“ Ein ähnlicher Subtext schwingt aber mit, wenn DFB-Präsident Niersbach sagt:

Sollte sich ein Spieler, egal ob in der Bundesliga oder der Kreisliga, öffentlich als homosexuell outen wollen und dabei die Unterstützung des DFB benötigen, so wird unser Verband jegliche Hilfe anbieten.

Auch die ZEIT begreift das Fluter-Interview nicht als Alarmsignal, sondern orakelt: „Das Fußballer-Outing rückt näher“, offenbar angetörnt von der Ankündigung, dass sich der Fußballer in einem Jahr zu erkennen geben könnte. Das scheint das große Missverständnis in dieser Debatte zu sein: Wer schwul ist, will eben nicht mit großem Knall an die Öffentlichkeit – und erst recht nicht in einem Umfeld, das im Ruf steht, so intolerant zu sein wie der Profi-Fußball. Er will einfach nur sein Leben leben und dafür das Vertrauen in seiner unmittelbaren Umgebung spüren. Der schwule Fußballer will von seinem Partner vom Training abgeholt werden. Er will in der Kabine über die neusten Hollywood-Blockbuster mitreden und sagen können: „Super-Film, habe ich neulich mit meinem Freund schon gesehen.“ Und er will, dass der Verein nach dem Champions-League-Sieg einen Platz beim Bankett freihält für den Menschen, den er liebt.

Was heißt es nun, dass sich schwule Profi-Fußballer bisher so versteckt haben? Das heißt, dass sie die Atmosphäre im Verein so unberechenbar empfinden, dass sie lieber nichts von sich preisgeben. Ja, es ist erstmal ein atmosphärisches Problem in den Vereinen, und kein Problem, dass zu wenige Spitzenfunktionäre die Fans zur Raison gerufen haben. Sich zu „outen“, ist ein langsamer Prozess. Dafür muss man kein Prominenter sein. Jeder Teenager wird erstmal genau beobachten, wie seine Eltern auf Fernsehberichte zum Christopher-Street-Day reagieren, bevor er sich ihnen anvertraut. Am neuen Arbeitsplatz heißt es erstmal Ohren spitzen, wie die Kollegen über Ricky Martins spätes Bekenntnis reden. Das sind diese positiven Signale aus der direkten Umgebung, auf die jeder Schwule wartet, der Angst vor Diskriminierung hat. Im Alltag des Profi-Fußballers gibt es diese Signale offenbar nicht.

So gut es der DFB-Präsident meint: Das Hilfsangebot nützt keinem verunsicherten schwulen Fußball-Profi. Im Gegenteil: Wer sowieso frustriert ist vom ewigen Versteckspiel, der könnte Niersbachs Statement auch ganz anders interpretieren: „Lieber Schwuler, Du brauchst Hilfe, die gebe ich Dir gerne, aber erstmal bist Du ein Problem.“ Nicht gerade ermutigend.

Was würde denn stattdessen helfen? Das ist ein ganz langer Weg und wird die Vereine viel Überwindung kosten. Die Clubs müssen dauerhaft im Alltag immer wieder unter Beweis stellen, dass sie es ernst meinen mit ihrer Offenheit. Und geduldig ins Blaue hinein daran weiter arbeiten, ohne zu wissen, ob überhaupt einer der eigenen Spieler schwul ist. So wie der Teenager seine Eltern bei der Reaktion auf die schwule Fernsehreportage beobachtet, müssen homosexuelle Fußballer Situationen miterleben, in denen sich der Verein in irgendeiner Weise positiv zum Thema verhält. In der freien Wirtschaft nennt man das Diversity Management (siehe auch hier in diesem Blog). Das darf kein PR-Stunt für Toleranz werden. Die Vereine müssen vor allem einsehen, dass sie dabei nach innen wirken und ihr Engagement bei den eigenen Angestellten ankommt. Sie können mit den zahlreichen schwulen Fanclubs zusammenarbeiten, in ihrer Geschäftsstelle geoutete Homosexuelle einstellen, Nachwuchsturniere mit Trägern der schwul-lesbischen Jugendarbeit veranstalten, und und und. Es muss ja nichts Großes sein, aber nach vielen kleinen Aktiönchen wird ein ungeouteter Profi Vertrauen in die Clubführung fassen, Rückhalt spüren und sich langsam aus der Deckung wagen. Es können noch so viele DFB-Präsidenten und Bundeskanzlerinnen zu mehr Toleranz aufrufen, ohne diese Basisarbeit wird sich nichts ändern.

Ach ja, was die Fans angeht: Auch ein schwuler Sportler hat entsprechenden Ehrgeiz. Mit genug Unterstützung vom Verein wird er sagen können: „Das ganze Stadion wird gegen mich sein. Etwas Schöneres gibt es gar nicht.“

8 Gedanken zu „Das Missverständnis vom Coming-Out

  1. Fenji sagt:

    Ich denke auch, dass man da nichts vom Zaun brechen sollte! Je mehr die Öffentlichkeit und die Medien das CommingOut eines schwulen Profispielers (lautstark)fordern, desto länger wird es dauern. Der Druck wird dadurch bestimmt nicht geringer! Es sollte alles von innen kommen und da hast ganz recht, dass dieses langsam, step by step in den Vereinen anfangen sollte.

  2. Florian sagt:

    Spannender und durchaus nachzuvollziehender Gedanke dazu. Unter den schwulen Fußballern in den Breitensportvereinen gibt es diese grelle Hoffnung auf das große Coming Out eines Bundesligaprofis allerdings auch. Nicht, um damit Auflage oder Quote zu erzielen, sondern weil die Hoffnung entgegengesetzt ist. Erst nach einem solchen Schritt halten sie die notwendigen kleinen Schritte in den Vereinen für möglich. Auch gibt es diese Sehnsucht nach Vorbildern, die dem Comingout eines Jugendlichen vorausgeht. Ein offen als schwuler akzeptierter Profi oder vielleicht sogar Nationalspieler würde danach auch die eigene Positionierung erleichtern.
    Natürlich trügen solche Hoffnungen auch, ebenso bliebe zu fragen, ob dies nicht die Hoffnung auf ein Opfer ist, dass derjenige, der sich zuerst outet, gibt, ohne selbst etwas davon zu haben.

  3. verstört sagt:

    Ich bin beim Thema etwas außen vor, weil ich weder schwul bin noch viel mit Fußball zu tun hab, finde den Text jedoch sehr interessant; der Gedanke, dass das Umfeld bereitet werden muss, klingt sehr logisch, aber der Gedanke an den Befreiungsschlag eines Musterprofis, der irgendwann gehörig die Schnauze voll hat und damit rausplatzt, scheint mir ähnlich zielführend, weil dann eine Diskussion notwendig wäre und es sich kaum ein Verein leisten könnte, nicht zu diesem Spieler zu stehen.

    Ich find’s schon abartig genug, dass sowas überhaupt ein Thema ist – wer gibt den Leuten das Recht darüber zu richten, wer wen liebt oder auch nur fickt oder sich ficken lässt?

  4. Mike sagt:

    Guter Artikel.
    Dieser Druck der momentan aufgebaut wird ist nur kontraproduktiv. Vor allem erweckt es eher den Anschein, als sollte da jetzt was erzwungen werden.

    Persönlich denke ich sind die Fans das kleinere Problem. Einerseits gibt es genug tolerante Fans und vor allem werden Profis sowieso schon aufs übelste beleidigt und bepöbelt. Auch ein schwuler Fußball kennt das eh schon. So hart das klingen mag, aber direkt im Stadion muss man das als Profi aushalten, unter anderem dafür werden sie auch so hoch bezahlt. Ich will das nicht schön reden oder verteidigen, aber der Fußballer profitiert nunmal von breiter Öffentlichkeit und muss dann auch, wenn man im Stadion ist (also seinem Beruf nachgeht) mit Kontra rechnen.
    Auch unter Spielern wird gerne mal nach der gerade verstorbenen Mutter gefragt, mit Verweisen auf Prostituierte.

    Das Problem sehe ich eher bei den Medien. Der erste schwule Fußballer ist natürlich von Interesse und sorgt für Verkäufe und Klickzahlen. Die BILD wird sich seinem Privatleben annehmen, Ex Lover (oder Leute, die gerne mal in die Zeitung wollen und deshalb Dinge behaupten) und die Jagd auf Knutschfotos mit seinem Partner eröffnen. Und da man weiß, dass der Presserat eh nichts tut und die gerichtlichen Strafen so gering sind hat die BILD auch rein gar nichts zu befürchten.

  5. august sagt:

    „Ach ja, was die Fans angeht: Auch ein schwuler Sportler hat entsprechenden Ehrgeiz. Mit genug Unterstützung vom Verein wird er sagen können: “Das ganze Stadion wird gegen mich sein. Etwas Schöneres gibt es gar nicht.”“

    Leider verkennt auch dieser Artikel die wirkliche Situation von Schwulen.
    Erstens ist zu bemerken, dass es natürlich nicht nur Normalität für sich direkt als schwul bezeichnende Fußballer geben muss, sondern einfach eine Toleranz für die ganze Bandbreite der Sexualität geben sollte (also vor allem die Einsicht, dass insbesondere viele jüngere Fußballer sich vor sich selbst nicht als 100% hetero- bzw. homosexuell fühlen). Denn die Einteilung in schwul und nichtschwul fördert letztlich die gleichen Klischees, die eigentlich zu bekämpfen sind.
    Zweitens ist es natürlich nicht so, dass „das ganze Stadion“ gegen einen sein wird, der sich als schwul outet. Ich wage die These, dass ein Fußballer heutzutage viel weniger Probleme hat, wenn er sich outet, als das in der öffentlichen Diskussion, auch in diesem Artikel, suggeriert wird. Es wird wenig bis keine größeren Äußerungen der Fans geben im Sinne von Pfiffen, Bannern etc. Diskriminierung findet im Kleinen statt, unter den Spielern und vielleicht Angestellten des Vereins selbst und vielleicht durch die Thematisierung (nicht unbedingt negativ) überhaupt.

  6. Wallace B. Crawford sagt:

    Nachdem ich das „Interview“ las und sämtliche Kommentare, bin ich von letzteren recht angenehm beeindruckt. Das Interview selbst ist aber so schlecht, dass es genauso gut fingiert worden sein könnte! Nichts, absolut gar nichts deutet darauf hin, dass da tatsächlich ein schwuler Bundesliga-Profi ein Interview gab – im Gegenteil… im Zusammenhang mit den Spielerfrauen wird weder vom Interviewer noch vom Interviewten der Umstand angesprochen, dass es (mindestens) eine Agentur gibt, die schwulen Fußball-Profis Frauen vermittelt… Ein gut vorbereiteter Interviewer wäre ganz konkret darauf zu sprechen gekommen, hätte der Interviewte es nicht von sich aus erwähnt. So, wie an anderen Stellen auch, scheint mir das wie ein riesiges Ding, das an einem Schreibtisch entstanden ist!! Was das Coming-Out schwuler Fußballprofis (und z.B. Leistungssportler) angeht, so gibt es einen einfachen Weg! Wenn die BILD Geheimnisse selbst ans Tageslicht fördert, kann das schon recht destruktiv enden. Tritt man aber mit so einer „Sensation“ exklusiv an das Blatt – vorzugsweise in einer größeren Gruppe (!!) – so ständ man selbst und ausgerechnet bei der BILD unter einer Art von „Welpenschutz“. Man möge die BILD-Ausgaben der letzten 60 Jahre daraufhin mal prüfen. Und hat man die Bild nicht gegen, sondern bestenfalls für sich, ist der gemeine Fußballfan bereits mit im Boot. So in dieser Form hier ist das Interview aber unter BILD-Niveau! Nur die Kommentare hier erteilen dem Sachverhalt den Ritterschlag!

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