Hitzlsperger und der Mantel der Geschichte

Ein paar Gedanken über die historische Dimension von Thomas Hitzlspergers Coming Out. Wer meint, es komme zu spät und sei nicht mutig, sollte diesen Text lesen.

Es war Freitagabend, es war eine Party, es war Smalltalk. Ich stand auf dieser Party mit schwulen Sportlern zusammen, und wir hatten am Ende dieser Woche nur ein Thema: Jeder von uns hat erzählt, was er gerade gemacht hat, als er von Thomas Hitzlspergers Coming Out erfahren hat. So, wie wir es sonst von Erzählungen über den 11. September und den Mauerfall kennen. Das sagt eigentlich schon alles. Schwulen Fußballern hat so lange eine Identifikationsfigur gefehlt. Wie viele Teenager haben nach ihrem Coming Out ihr liebstes Hobby entnervt oder verängstigt aufgegeben, weil sie glaubten, für sie sei kein Platz im Fußball?

Der Erhängte und der Erstochene als Präzedenzfälle

Für die Diskussion über Schwule im Fußball ist Hitzsperger ein Glücksfall und man kann ihm nicht genug danken. Versetzen wir uns mal in seine Lage: Was mag in ihm vorgegangen sein, bevor er seine Entscheidung gefällt hat? Vielleicht hat er an die anderen Schwulen im Fußball gedacht? An den US-Nationalspieler Robby Rogers? Mit seinen zehn Einsätzen in der englischen zweiten und dritten Liga war er, der sich bei seinem Coming Out schon parallel eine Existenz als Mitbesitzer eines Modeunternehmens aufgebaut hatte, vielleicht nicht der Maßstab. Aus europäischen Spitzenligen blieben als Präzedenzfälle Justin Fashanu und Heinz Bonn. Der, der sich erhängt hat. Und der, der an Alkoholismus litt und vom Stricher erstochen wurde. Darüber sollten diejenigen mal nachdenken, die sagen, Hitzlspergers Coming Out komme zu spät und sei nicht mutig.

Wie lange hätten wir auf den nächsten wie ihn warten müssen?

Hitzlsperger hat sich davon nicht abschrecken lassen. Er ist ein kluger Mensch und wird seine eigene Rolle genau reflektiert haben: Er blickt auf eine außergewöhnliche Karriere zurück und ist wie kaum ein anderer geeignet, das Klischee vom verweichlichten Schwulen, der im Fußball nichts zu suchen hat, zu widerlegen. Einer mit mehr als 50 Länderspielen, ein Deutscher Meister, einer der für seinen Gewaltschuss den Spitznamen “The Hammer” bekommen hat. Im Vorspann habe ich von der “historischen Dimension” geschrieben. Das ist nicht nur meinem Hang zum Pathos geschuldet: Wenn Hitzlsperger sich nicht zum Coming Out entschlossen hätte, wie lange hätte es gedauert, bis ein anderer schwuler Fußballer mit einer vergleichbaren Karriere vor derselben Entscheidung geständen hätte? Fünf Jahre? Zehn Jahre? Es gibt Situationen, da eröffnet sich die Möglichkeit, mit seinem eigenen Handeln Geschichte zu schreiben. Diese Vorstellung kann Angst machen. Es ist nicht selbstverständlich, dann auch zuzupacken. Hitzlsperger hat den Mantel der Geschichte ergriffen. Wie der Grenzer an der Bornholmer Straße, der den Schlagbaum geöffnet hat. Und das meine ich völlig ernst.

Links:

  • Hamburger Abendblatt: Interview der Zukunft: “Dieses Tor widme ich meinem Freund” – Alexander von Beyme vom schwul-lesbischen Sportverein “Startschuss” in Hamburg über die Idealvorstellung über Fußball und Homosexualität. Thomas Hitzlsperger wurde in Wolfsburg davon abgeraten, sich zu outen.
  • Lokalfernsehen Hamburg 1: Hitzlsperger ist ein Glücksfall – Zu Gast im Studio ist der Sprecher des schwul-lesbischen Sportvereins „Startschuss“.

Sommermärchen in eigener Sache

Die schwul-lesbische Fußball-EM kommt nach Hamburg!

Mit meinem Sportverein Startschuss SLSV haben wir den Zuschlag für die Ausrichtung der IGLFA European Championship 2015 erhalten. Gespielt wird vom 11. bis 14. Juni 2015 auf der Anlage des Hamburger Sport-Vereins in Norderstedt. Die Schirmherrschaft hat Olaf Scholz übernommen.

Ich freue mich auf die nächsten anderthalb Jahre als Verantwortlicher im Orga-Team.

Folgt uns auf Facebook, zur Pressemitteilung geht es hier.

Gespielt wie Flasche halb voll oder halb leer?

Der Deutsche Evanglische Kirchentag in Hamburg diskutiert über Homophobie im Fußball: Kontrovers wurde die Debatte, wie die bisher erreichten Fortschritte zu bewerten sind. Ein Mutmach-Beitrag.

Die Zusammensetzung der Runde unter dem Motto “Let’s Talk About Sex – Homophobie im Fußball” ließ von vornherein nicht erwarten, dass es besonders heiß her gehen würde: Vertreter der “Queer Football Fanclubs” berichteten von ihrem Engagement in den Fankurven, “Versteckspieler” Marcus Urban erzählte von seiner Arbeit als Diversity Coach und DFB-Berater, der SPD-Bundestagsabgeordnete und Fachsprecher für Schwule und Lesben, Johannes Das Podium im Regenbogenzentrum beim DEKTKahrs, war als Politikvertreter dabei, und ich war als Journalist und Vorstandsmitglied des schwul-lesbischen Sportvereins Startschuss SLSV Hamburg eingeladen – alles also Leute, die sich im Ziel einig sind und sich schon lange entsprechend engagieren.

Überraschend fiel die Bewertung des Status Quo aus: Als ich meinen Eindruck schilderte, dass Diskriminierung deutlich abgenommen hat und heutzutage viele Startschuss-Sportler ihr Glück auch in “Hetero”-Vereinen finden, stieß ich auf harschen Widerspruch. “Falsch”, entgegnete kopfschüttelnd Marcus Urban, “es gibt in allen Bereichen immer noch massive Probleme.” Ein Gast aus dem Publikum richtete an meine Adresse die Kritik, dass Journalisten ein viel zu rosiges Bild zeichneten, unter anderem weil viele Betroffene sich mit ihrer Leidensgeschichte gar nicht an die Öffentlichkeit trauten.

Homophobie ist kein Nischen-Thema mehr

Dabei habe ich gar nicht behauptet,  dass Homophobie überwunden ist – ich bin nur der Meinung, dass im historischen Vergleich die Gesellschaft riesige Schritte weitergekommen ist. Der Umgang mit Homophobie ist sensibler geworden: Gerade erst hat Kaiserslauterns Stürmer Idrissou im Interview (hier das Video) einmal mehr das Klischee bedient, Schwule seien automatisch tuntig und könnten per se keine männliche Körpersprache haben – das haben auch Mainstream-Medien aufgegriffen und kritisiert. Früher gingen solche Äußerungen unter. Schwulen und Lesben empörten sich in ihren Community-Foren, auf Nischen-Websites und blieben unter sich. Schon dass es mittlerweile eine Öffentlichkeit dafür gibt, ist ein Fortschritt.

Die “Queer Devils” als schwul-lesbischer Fanclub konnten dem Spieler inzwischen persönlich erklären, was an seinen Äußerungen so bedenklich ist. Noch vor ein paar Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein Verein ein solches Treffen zulässt. Und der FCK berichtet auch noch auf seiner Homepage darüber. Bei aller Kritik an manchen Formulierungen lässt sich festhalten: Auch hier beteiligt sich der Proficlub daran, eine Öffentlichkeit herzustellen, die wichtig ist. Er tut es nicht als Pflichtveranstaltung ab nach dem Motto: “Treffen wir uns mal mit den Schwulen, um die ruhig zu stellen, aber reden wir nicht darüber.” Auch das ist ein Wandel!

Während Profi-Fußballer früher “irgendwas mit Schwul” gescheut haben wie der Teufel das Weihwasser, leben wir in einer Zeit, in der Philipp Lahm munter Interviews für Gay-Magazine gibt und Mario Gomez übers Coming Out philosophiert. Nicht über jeden Debattenbeitrag kann man glücklich sein, aber die Berührungsängste im Spitzensport schwinden – das ist ein Fortschritt.

Es gibt Strukturen und Unterstützer

Alex v. Beyme mit Johannes KahrsWir haben Strukturen aufgebaut wie die schwul-lesbischen Fanclubs und Sportvereine, die den Finger in die Wunde legen, und starke Unterstützer wie die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Auch die Verbände bewegen sich allmählich. Einige meiner Mitspieler bei den schwulen Fußballern von Startschuss spielen geoutet in “hetero-geprägten” Vereinen mit, nach meinem Eindruck waren es noch nie so viele. Nur einer von ihnen erzählte mir von heftigem Mobbing, die Mitspieler wollten ihn nicht mehr mit ihm duschen – kurzerhand wechselte er den Verein und wurde im neuen Club anerkannter Spielertrainer. Jeder Fall von Diskriminierung ist zu viel, aber bei allen Rückschlägen können wir doch froh sein: Es gibt sie mittlerweile, die positiven Beispiele, die wir vor Jahren so vermisst haben.

Es geht natürlich nicht schnell genug. Wir liegen mit dem Kampf gegen Homophobie im Fußball immer noch zurück, aber haben bisher gut gespielt – das sollte uns Selbstvertrauen geben. Schluss ist erst, wenn der Schiri pfeift.

Warum denn ein schwules Fußballturnier?

Während die Diskussion über Schwule im Profi-Fußball immer mal wieder Schlagzeilen macht, sind homosexuelle Freizeitfußballer seit Jahrzehnten untereinander vernetzt. Wie eine große Familie treffen sie sich auf dutzenden Freundschaftsturnieren, der Sport verbindert über Grenzen hinweg. Warum eigentlich gibt es Fußball-Teams für Schwule?

“Friends Prague gewinnen Deutschlands größtes schwules Fußballturnier” habe ich an unseren Presseverteiler herausgegeben, als ich am vergangenen Wochenende für meinen Fußball-Verein und das “StartschussMasters” im Einsatz war. Wir hatten 16 Mannschaften am Start, aus ganz Deutschland, aber auch international besetzt: Außer den Pragern hatten sich die Stockholm Snipers und PAN Fodbold Kopenhagen auf den Weg gemacht. Wir hatten außerdem prominente Unterstützung: NDR-Fernsehmoderatorin Anke Harnack hat bei der Eröffnungspartys die “Losfee” gemacht, und als Gastredner hat der Schauspieler Peter Lohmeyer (“Das Wunder von Bern” oder ganz aktuell im Fernsehfilm “Blutadler”) über seine Sicht auf Homophobie im Fußball gesprochen.

Lässt sich in diesen Zeilen meine Begeisterung erahnen? Schon ab und zu bin ich mit meinen euphorischen Erzählungen über die schwule Fußballtruppe auf Unverständnis gestoßen: Warum muss man denn unbedingt eine schwule Fußballgruppe gründen? Auch noch ein ganzes Turnier? Ist das nicht eine Selbstghettoisierung?

“Geile Möpse, ey!” gibt’s auch andersrum

Ja, das ist eine Selbstghettoisierung, und dafür gibt es mehrere Gründe: Viele sind es einfach leid, sich erklären zu müssen. Ganz selbstverständlich vom Platz zu gehen und seinem Freund einen Kuss zu geben, ohne dass jemand glotzt – das ist Lebensqualität. Unverblümt erzählen zu können, wie peinlich der letzte Flirtversuch in der Gay-Bar ausgegangen ist – unbezahlbar! Es wird ja so viel davon geschrieben, dass Fußball generell etwas von einem Männerbund hat. Meistens geht es dann darum, irgendein Boller-Heten-Verhalten zu rechtfertigen  – bloß gilt das eben nicht nur im Mainstream-Fußball, sondern auch unter Schwulen gibt es so ein verbindendes Element. Plakativ gesagt: Wenn Heten-Mannschaften durch “geile Möpse, ey!” zusammengehalten werden können, dann ist es doch nicht verwunderlich, wenn Homo-Teams durch andere Dinge zusammengehalten werden. Oder etwas intellektueller: Auch wenn ein schwuler Spieler vielleicht im Kreisklasseverein akzeptiert wird, heißt das noch nicht, dass er sich dort verstanden fühlt. Das ist ein Unterschied.

Schwule haben nicht immer Lust, Paradiesvögel zu sein

Im Amateurfußball ist es für Schwule in den vergangenen Jahren deutlich leichter geworden. Ich kenne Spieler wie Tony Quindt aus meiner schwulen Fußball-Truppe, die parallel in anderen Mannschaften kicken und dort gute Erfahrungen gemacht haben. Aber wie bei Tony zum Beispiel gut in zahlreichen Fernsehbeiträgen zu sehen ist, reagieren Mitspieler im ersten Moment “überrascht” oder “perplex” (O-Ton). Das ist schon okay und nachvollziehbar, aber wir Schwule haben halt auch nicht immer Lust, Paradiesvögel zu sein. Und wenn es darum geht, sich freizeitmäßig etwas sportlich zu betätigen, ziehen es viele vor, sich auf schwules Terrain zu begeben.

Das StartschussMasters als Turnier ist nun eine Möglichkeit, in der Masse aufzutreten. Hallenfußball kann ganz schönes Gebolze sein, aber wir hatten am vergangenen Wochenende viele Spiele auf hohem Niveau mit durchdachten Spielzügen. Ich helfe gerne mit, solche Turniere an die Öffentlichkeit zu bringen. Irgendwann reagiert vielleicht niemand mehr “überrascht” oder “perplex”, dass ein guter Fußballer im Team zufällig schwul ist. Und ordentlich zugetreten haben wir auch, wie im Video zu sehen ist.

Das Missverständnis vom Coming-Out

Beseelt vom Wunsch nach dem knalligen Coming-Out eines Profi-Fußballers schreiben die Medien an der Realität vorbei. Floskeln und Scheindebatten dominieren die Berichterstattung, aber die Antworten auf die entscheidenden Fragen bleiben unausgesprochen: Was ist ein Coming-Out? Worum geht es einem schwulen Bundesliga-Kicker überhaupt? Wenn Funktionäre und Vereine darauf keine Antworten formulieren können, wird diese Diskussion versanden.

Gut zwei Wochen ist es nun her, dass der Fluter das Interview mit einem anonym gebliebenen schwulen Bundesliga-Profi veröffentlicht hat. So groß wie die Aufmerksamkeit ist, bei genauerem Hinsehen ist es enttäuschend, aus welcher Perspektive das Thema angegangen wird.

Symptomatisch der Auftritt von Fußball-Trainer Peter Neururer bei Markus Lanz (im Video ab 48’30”):

Das Problem ist die Tatsache selber, sich zu outen. Ich lauf ja auch nicht da durch und sage: ‘Ich bin hetero.’ Wen interessiert denn meine Sexualität? Vollkommen uninteressant. Es wird aber thematisiert, wenn einer homosexuell ist.

Was als Plädoyer für Normalität nett gemeint war, offenbart auf der anderen Seite, warum sich diese Diskussion seit Jahren im Kreis dreht. Zu unterschiedlich sind die Vorstellungen, was mit Outen überhaupt gemeint ist. Keiner wünscht es sich, in einer Pressekonferenz auf dem Podium zu sitzen und zu bekennen: “Ich bin schwul, schwul, schwul!” Ein ähnlicher Subtext schwingt aber mit, wenn DFB-Präsident Niersbach sagt:

Sollte sich ein Spieler, egal ob in der Bundesliga oder der Kreisliga, öffentlich als homosexuell outen wollen und dabei die Unterstützung des DFB benötigen, so wird unser Verband jegliche Hilfe anbieten.

Auch die ZEIT begreift das Fluter-Interview nicht als Alarmsignal, sondern orakelt: “Das Fußballer-Outing rückt näher”, offenbar angetörnt von der Ankündigung, dass sich der Fußballer in einem Jahr zu erkennen geben könnte. Das scheint das große Missverständnis in dieser Debatte zu sein: Wer schwul ist, will eben nicht mit großem Knall an die Öffentlichkeit – und erst recht nicht in einem Umfeld, das im Ruf steht, so intolerant zu sein wie der Profi-Fußball. Er will einfach nur sein Leben leben und dafür das Vertrauen in seiner unmittelbaren Umgebung spüren. Der schwule Fußballer will von seinem Partner vom Training abgeholt werden. Er will in der Kabine über die neusten Hollywood-Blockbuster mitreden und sagen können: “Super-Film, habe ich neulich mit meinem Freund schon gesehen.” Und er will, dass der Verein nach dem Champions-League-Sieg einen Platz beim Bankett freihält für den Menschen, den er liebt.

Was heißt es nun, dass sich schwule Profi-Fußballer bisher so versteckt haben? Das heißt, dass sie die Atmosphäre im Verein so unberechenbar empfinden, dass sie lieber nichts von sich preisgeben. Ja, es ist erstmal ein atmosphärisches Problem in den Vereinen, und kein Problem, dass zu wenige Spitzenfunktionäre die Fans zur Raison gerufen haben. Sich zu “outen”, ist ein langsamer Prozess. Dafür muss man kein Prominenter sein. Jeder Teenager wird erstmal genau beobachten, wie seine Eltern auf Fernsehberichte zum Christopher-Street-Day reagieren, bevor er sich ihnen anvertraut. Am neuen Arbeitsplatz heißt es erstmal Ohren spitzen, wie die Kollegen über Ricky Martins spätes Bekenntnis reden. Das sind diese positiven Signale aus der direkten Umgebung, auf die jeder Schwule wartet, der Angst vor Diskriminierung hat. Im Alltag des Profi-Fußballers gibt es diese Signale offenbar nicht.

So gut es der DFB-Präsident meint: Das Hilfsangebot nützt keinem verunsicherten schwulen Fußball-Profi. Im Gegenteil: Wer sowieso frustriert ist vom ewigen Versteckspiel, der könnte Niersbachs Statement auch ganz anders interpretieren: “Lieber Schwuler, Du brauchst Hilfe, die gebe ich Dir gerne, aber erstmal bist Du ein Problem.” Nicht gerade ermutigend.

Was würde denn stattdessen helfen? Das ist ein ganz langer Weg und wird die Vereine viel Überwindung kosten. Die Clubs müssen dauerhaft im Alltag immer wieder unter Beweis stellen, dass sie es ernst meinen mit ihrer Offenheit. Und geduldig ins Blaue hinein daran weiter arbeiten, ohne zu wissen, ob überhaupt einer der eigenen Spieler schwul ist. So wie der Teenager seine Eltern bei der Reaktion auf die schwule Fernsehreportage beobachtet, müssen homosexuelle Fußballer Situationen miterleben, in denen sich der Verein in irgendeiner Weise positiv zum Thema verhält. In der freien Wirtschaft nennt man das Diversity Management (siehe auch hier in diesem Blog). Das darf kein PR-Stunt für Toleranz werden. Die Vereine müssen vor allem einsehen, dass sie dabei nach innen wirken und ihr Engagement bei den eigenen Angestellten ankommt. Sie können mit den zahlreichen schwulen Fanclubs zusammenarbeiten, in ihrer Geschäftsstelle geoutete Homosexuelle einstellen, Nachwuchsturniere mit Trägern der schwul-lesbischen Jugendarbeit veranstalten, und und und. Es muss ja nichts Großes sein, aber nach vielen kleinen Aktiönchen wird ein ungeouteter Profi Vertrauen in die Clubführung fassen, Rückhalt spüren und sich langsam aus der Deckung wagen. Es können noch so viele DFB-Präsidenten und Bundeskanzlerinnen zu mehr Toleranz aufrufen, ohne diese Basisarbeit wird sich nichts ändern.

Ach ja, was die Fans angeht: Auch ein schwuler Sportler hat entsprechenden Ehrgeiz. Mit genug Unterstützung vom Verein wird er sagen können: “Das ganze Stadion wird gegen mich sein. Etwas Schöneres gibt es gar nicht.”

Video: “Homophobie im Profi-Fußball” auf Hamburg1

Wer mein Blog bis in den letzten Winkel durchgeklickt hat, weiß auch, dass ich ehrenamtlich die Pressearbeit für meinen schwulen Fußball-Verein mache und dort unter anderem die Facebook-Seite betreue. Wir suchen durchaus den Weg in die Öffentlichkeit und haben uns kürzlich auch per Pressemitteilung zum Interview mit einem anonym gebliebenen Bundesliga-Profi geäußert.

Nicht nur das Hamburger Abendblatt hat das aufgegriffen, ich war auch zu Gast im Lokalfernsehen Hamburg1. Dort vergleiche ich die Bundesliga mit einer “miefigen Eckkneipe, in der seit 30 Jahren Country läuft, und plötzlich kommt einer und sagt: ‘Samstag machen wir aber jetzt eine Schwulenparty’ – und wundert sich, dass keiner kommt.”