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Unter dem Deckmantel des Journalismus

Die Emotionalität, mit der über sexuelle Vielfalt in Bildungsplänen diskutiert wird, sollte jedem klugen Kopf ein Alarmsignal sein. Trotzdem veröffentlicht die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” einen Text, der von Manipulationen, Einseitigkeit und Polemik durchsetzt ist.

Petra Wiedenroth wirkt plötzlich sehr kurz angebunden. Die Geschäftsführerin des Verbandes der Elternräte der Gymnasien in Niedersachsen bittet “um Verständnis” und sagt mir, für alles weitere müsse ich mich an Antje Schmelcher wenden, die Verfasserin des Artikels “Unter dem Deckmantel der Vielfalt”, der am vergangenen Wochenende in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen ist. Wiedenroth räumt ein: Das Mathebuch, von dem dort die Rede ist, in dem eine Textaufgabe mit einem bisexuellen Frauenpaar illustriert sei und andererseits niemals eine Hetero-Familie mit Kind abgebildet sein soll – das hat sie selbst nie gesehen. Da habe es wohl mit diesem Zitat ein Missverständnis gegeben. Sie habe in einem Artikel der Zeitschrift “Profil” über dieses Schulbuch gelesen. Also nachgefragt bei der Zentrale des Magazins in Berlin: Dort hat man keinen blassen Schimmer, welcher Artikel gemeint sein könnte.

Es könnte nur ein zu vernachlässigender Recherchefehler sein, aber es hat System. Was die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am vergangenen Wochenende veröffentlicht hat, lässt sich getrost als traurigen Beitrag zur Entsachlichung der Debatte beschreiben, unter dem Deckmantel des Journalismus.

Ohne Belege in der Kinderschänder-Ecke

Da ist zum einen die Art und Weise, wie der Vorstand der Gesellschaft für Sexualpädagogik, Uwe Sielert, diskreditiert werden soll. Er wird in die Nähe des verstorbenen Professors Kentler gerückt (“väterlicher Freund” Sielerts) , dem posthum eine Verharmlosung von Pädosexualität vorgeworfen wird. Zu Sielert heißt es nun lapidar: “Wer sich seitdem und heute noch auf ihn (Kentler) beruft, muss gute Gründe haben.” Beruft sich Sielert denn auf Kentler, und wenn ja, wie? Belege liefert die Autorin nicht, sie belässt es bei dieser nebulösen Andeutung. Dabei führt eine einfache Google-Recherche zu einem Interview der Deutschen Welle, in dem Sielert den damaligen Umgang mit Pädophilie als falsch und naiv bezeichnet. Im “sozialmagazin” hat sich Sielert offenbar deutlich von Kentler distanziert. Warum erfahren wir davon in der FAS nichts?

Einseitigkeit: Argumente sind unwichtig

Da ist zum anderen die Art und Weise, wie sich Schmelcher an Elisabeth Tuiders “Sexualpädagogik der Vielfalt” abarbeitet. Für Schmelcher ist das Werk ein Paradebeispiel für Grenzüberschreitungen bei der Aufklärung. Empört schildert sie, dass der von Steuergeldern geförderte Verein “Pro Familia”, die Volkssolidarität und sogar (!) die “Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention” damit arbeiten. Moment mal! Wenn das Werk so breite Verwendung findet – ist es dann vielleicht gar nicht so schlecht? Man könnte zumindest einmal nachfragen, warum die Institutionen keine Bedenken haben, damit zu arbeiten. Vielleicht gibt es ja ganz gute Argumente dafür. Warum erfahren wir davon in der FAS nichts?

Manipulative Zitate

Der Artikel lässt nicht nur wesentliches weg, sondern reißt Zitate manipulativ aus dem Zusammenhang und enthält böswillige Verkürzungen. Beispielhaft nur mal ein Abschnitt Satz für Satz auseinander genommen – Antje Schmelcher schreibt:

Als Methode möchten Tuider und ihre Mitstreiter ausdrücklich die „Verwirrung“ und die „Veruneindeutigung“ angewendet wissen.

Die armen Kinder werden verwirrt, will Antje Schmelcher uns sagen. Aber den Zusammenhang enthält sie uns vor: Sie spielt damit auf die Übung “Eindeutig mehrdeutig” auf Seite 73 des Buches an. Übungsmaterial sind “zehn sehr gut ausgewählte Bilder, die die Frage nach dem Geschlecht, der sexuellen Orientierung, dem Alter, der ethnischen Zugehörigkeit, der Religion nicht restlos beantworten bzw. weitgehend offen lassen”. Für Jugendiche ab 16 Jahren! Sie sollen dabei lernen, dass Zuschreibungen nach Schubladendenken nicht immer der Wahrheit entsprechen. Der Verwirrung folgt also eine Erkenntnis. Das soll unzumutbar für 16-Jährige sein?

Gleich im nächsten Satz heißt es in der FAS:

Kinder sollen zeigen, was sie sexuell immer schon mal ausprobieren wollten.

Das Zitat hat Antje Schmelcher der Übung “Erster Eindruck” entnommen. Seite 79. Kinder ab 10 Jahren sollen gegenseitig „Sternzeichen, Alter, Lieblingsessen, Lieblingssport, Hobby, Lieblingsbuch” erraten. Genau, das steht da! “Was ich schon immer mal sexuell ausprobieren wollte” ist ganz unten als Variante vorgeschlagen, die “je nach Gruppe” zum Einsatz kommen kann (und soll auch nicht “gezeigt” werden, die Gruppe soll allenfalls darüber reden). Hierbei muss man bedenken, dass Tuiders “Sexualpädagogik der Vielfalt” sich nicht nur an die Schule richtet, sondern auch in der Jugendarbeit mit unterschiedlich geprägten Gruppen zum Einsatz kommen sollen.

Es geht unmittelbar weiter:

Anweisung an die Pädagogen: „Die Leitung moderiert und nimmt, sofern sie will, an der Übung teil.“ Was die Kinder wollen, fragt keiner.

Wenn Antje Schmelcher schon so fleißig wörtlich zitiert, wird sie ja wohl auch in Teil I das vierte Kapitel “Überlegungen zur Methodik” gelesen haben: “Folgende Regeln haben sich in der Praxis – und in dieser Formulierung auch für jüngere Jugendliche – bewährt: … Die Teilnahme an Übungen ist freiwillig.” (Seite 24) Quizfrage: Hat das die Autorin vergessen, überlesen oder steckt dahinter eine Absicht?

Wir sind übrigens immer noch ohne Auslassungen im selben Absatz. Schmelcher will weiter skandalisieren:

Bei den Massagen für Zehnjährige, Stichwort „Gänsehaut“, genügt laut Anweisung jedenfalls dünne Kleidung, damit der unterschiedliche Druck und die verschiedenen Streichrichtungen auch erspürt werden können.

Die Autorin will den Eindruck erwecken, dass sich hier Kinder gegenseitig stimulieren. Wer die Übung auf Seite 178 nachschlägt, stellt fest, was Schmelcher hier schon wieder unterschlagen hat: Die Kinder berühren sich nicht mit den Händen, sondern streicheln sich mit unterschiedlichen Materialien wie Wolle, Federn, Tennisbälle. Es geht darum, Köperreize wahrzunehmen und hinterher darüber sprechen zu können, was als angenehm oder eher unangenehm empfunden wird. Wollen wir das nicht? Dass Kinder lernen, es zu sagen, wenn ihnen etwas nicht gefällt?

So geht es in einer Tour weiter. Der Gipfel ist dann die Beschwerde Antje Schmelchers, dass Spermaschlucken thematisiert wird. Ja, auch das ist richtig. Man findet es – oh Wunder – in einer Übung für 14-Jährige und älter zum Thema HIV-Übertragungswege (Seite 212). Soll man das dort lieber weglassen?

Es lässt sich ja darüber streiten, wie altersgerechte Sexualpädagogik aussehen kann. Aber diese Art der Auseinandersetzung kann dafür keine Grundlage sein. Qualitätsjournalismus in der FAS.

 


Update 17.10., 15 Uhr: In einer früheren Version stand hier, dass die Freiwilligkeit der Übungen im Vorwort empfohlen wird. Tatsächlich aber wird darüber im Kapitel “Überlegungen zur Methodik” geschrieben.

Unschwules WLAN macht mich traurig

Wie ich mich selbst ertappt habe, aus einer Kleinigkeit ein Drama zu machen. Aber es nervt: In banalen Alltagssituationen kriegen Lesben und Schwule immer wieder ihre Andersartigkeit vorgehalten – weil sie nicht vorgesehen sind, nicht mitgedacht oder gar bewusst ausgesperrt werden. So etwas erlebt auch, wer seine Sexualität nicht vor sich herträgt.

Hamburger MeileIch war im Einkaufszentrum “Hamburger Meile”. Der WLAN-Hotspot hat mich nicht queer.de lesen lassen, sondern so eine Sperrseite angezeigt. Damit könnte die Geschichte zu Ende sein. queer.de, das ist ein Nachrichtenportal mit Infos aus dem schwul-lesbischen Bereich. Ich hätte mich ja einfach aus dem Hotspot ausloggen und die Seite mobil aufrufen können. Oder ich lese es eben zuhause.

Aber das hat mich richtig traurig gemacht, und das möchte ich all denjenigen erklären, die meinen, dass diese Homos bei jeder Kleinigkeit “Diskriminierung” plärren. Ich bin damals nicht alleine in die Hamburger Meile gegangen, sondern mit meinem Mann. Er ist immer etwas vorsichtiger als ich, wenn es darum geht, Hand in Hand zu laufen. Es ist ein ständiges Umgucken, ob jemand in der Nähe etwas gegen Schwule haben könnte. Naja, es geht auch ohne Händchenhalten. Ich war also sowieso schon leicht gefrustet und blickte mit einer gewissen Portion Neid auf die Hetero-Paare, die ungeniert ihre Zuneigung demonstrieren dürfen, und in diesen Frust hinein platzt nun die Geschichte, dass mich das WLAN nicht über den CDU-Nachwuchspolitiker mit den merkwürdigen Ansichten lesen lässt. Offenbar weil queer.de was mit Schwulen zu tun hat, und schwul schmuddelig ist. Okay, es geht auch ohne CDU-Nachwuchspolitiker Mittagslektüre im Internet. Die Entscheidung, das alles aufzuschreiben,  fiel letztes Wochenende, als ich von einer ähnlichen Story erfahren habe: Nämlich dass die Sprachsuche von Amazon Fire TV das Wort schwul nicht darstellen will, sondern ein Sternchen für das u einsetzt. Naja, es geht auch ohne u.

Was das alles miteinander zu tun hat? Ja, das alles geht auch irgendwie anders. Dann halten eben nur die Hetero-Pärchen in der Öffentlichkeit Händchen, und dann kann man über das WLAN der Hamburger Meile eben nur ordentliche Hetero-Geschichten wie “Lilly Allens Busenblitzer” lesen (ja, das war an dem Tag aufrufbar!) und dann muss man bei Amazon Fire TV eben mit der Sprachsuche aufpassen, damit sie sich nicht anormal verhält. Hauptsache, es kommt nichts Schwules vor!

Der Punkt ist nur: Ich bin es leid, auf diese Art meine Andersartigkeit unter die Nase gerieben zu bekommen. Ich lese hin und wieder Kommentare in Online-Portalen, dass Schwule und Lesben ihre Sexualität ja viel zu sehr vor sich her tragen. Dabei sind es doch die Administratoren von WLAN-Sperrlisten und Programmierer solcher Sprachsuchen wie bei Amazon Fire TV, die aus meiner sexuellen Orientierung ein Thema machen, nicht ich. Und das sind noch harmlose Beispiele.

Solche Harmlosigkeiten, bei denen ich nicht vorgesehen bin, nicht mitgedacht werde oder gar bewusst ausgesperrt werde – jede für sich wäre geduldig zu ertragen, aber es gibt Tage, an denen mich das in der Summe verletzt. Neulich habe ich das Wort “Minderheitenstress” als psychologischen Fachbegriff gelernt. Es geht vielen Menschen schlechter als mir, aber ich habe eine vage Vorstellung, was damit gemeint ist.


Die Hamburger Meile habe ich in eMails am 19. und 26. August darauf aufmerksam gemacht, dass queer.de auf einer Sperrliste des Hotspots meiner Meinung nach falsch ist. Am 26. August habe ich einen sehr freundlichen Rückruf erhalten, dass die Hamburger Meile deshalb mit dem technischen Dienstleister in Kontakt ist und sich übrigens auch für die Belange von Homosexuellen u.a. mit einer Beteiligung am CSD einsetzt. Seitdem ist nichts passiert.

Ich habe ja nichts gegen Bela Anda, aber…

Bela Anda fand den Auftritt von Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest so verstörend, dass die Logik zwei Tage lang aussetzt. Man muss Wurst nicht gut finden, um für BILD Unsinn zu schreiben.

Was kann man tun, wenn man keine Möglichkeit hat, sich gegen etwas zu artikulieren? Wenn man einfach keinen Kanal hat, um seine Meinung kund zu tun? Richtig: Man stellt seinen Text auf eine der reichweitenstärksten Nachrichtenseiten Deutschlands.

So hat das jedenfalls Bela Anda gemacht. Auf BILD Online stellt er die Frage: “Muss ich Conchita Wurst gut finden?” Bereits im zweiten Satz beantwortet er sich die Frage damit, dass er dass nicht muss. Hier hätte der Artikel eigentlich zu Ende sein können. Aber stattdessen beklagt sich der ehemalige Regierungssprecher, dass ihn eine Frau mit Bart stört und er den ganzen Auftritt befremdlich fand, das aber nirgendwo schreiben darf.  Er darf das nirgendwo schreiben, und  das ist nachzulesen auf BILD Online! Der Auftritt muss ihn tatsächlich verstört haben, wenn das logische Denken auch zwei Tage später nicht richtig funktioniert.

Bela Anda ist an keiner Stelle offen homophob, aber sein Artikel trägt trotzdem zur Stimmungsmache bei. In den Kommentaren auf der Seite melden sich zahlreiche Leser zu Wort, die sich danach sehnen, Conchita Wurst ebenfalls nicht gut finden zu dürfen. Und bei der Gelegenheit beklagen sich die Leute, dass sie sich nicht vorschreiben lassen wollen, was sie gut oder normal finden sollen. Gegen Meinungsterroristen. Und für das Ergebnis des Eurovision Song Contests ist sowieso die Homolobby verantwortlich – weil die so viel angerufen hat und die Jurys unterwandert sind.

Es macht mich so traurig, weil mir Veröffentlichungen wie diese das Gefühl geben, dass es auf Argumente sowieso nicht ankommt. Anda übernimmt typische Muster, mit denen Verunglimpfungen häufig eingeleitet werden (Opferrolle einnehmen und ankündigen, die “Netzgemeinde” würde einen bestimmt hassen oder als homophob brandmarken, sowie schwule Freunde erwähnen, um zu “beweisen”, wie tolerant man eigentlich ist) . Im Fall von Anda lässt sich im Anschluss wunderbar das Ressentiment bedienen, dass sich Homosexuelle in den Vordergrund spielen und bejubelt werden wollen.

Trotzdem sträubt sich alles in mir, wenn ich Conchita Wurst und die Lobhudelei auf sie und unser angeblich tolerantes Europa lese. … Was mich stört ist, dass ich den Auftritt einer Dragqueen mit Bart jetzt schon gut finden MUSS. Es reicht nicht mehr zu sagen: Ok, macht was ihr wollt. Nein, wir müssen alle jubeln und die Höchstpunktzahl vergeben.

Was hat denn dieser Mann? Dann findet Anda Transvestiten halt doof und besonders die mit Bart, da hindert ihn doch keiner dran. Er darf sogar für BILD darüber schreiben! Das ist ein Wettbewerb, und der hat einen Sieger. Satte 24 Länder haben Österreich nicht die Höchstpunktzahl gegeben, und von Protestkundgebungen vor den Botschaften ist bis heute nichts bekannt.

Rückblick: Tagelang hat die BILD-Zeitung gemeinsam mit anderen Medien die Hochzeit von Prinz William und Kate abgefeiert. Ich fand eine solche Inszenierung auch befremdlich, für meine Verpartnerung hatte ich einen privateren Rahmen vorgezogen. Tapfer habe ich die Dominanz des Themas in der Berichterstattung ertragen und aus meiner Langeweile keinen Hehl gemacht. Das war nicht schlimm! Es ging vorbei! Aber nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, mich zu beklagen, mich könnte jemand als Pferdekutschen-Hasser und Briten-Feind verunglimpfen.

Ich habe ja nichts gegen Bela Anda, aber da hat er nun mal Unsinn geschrieben. Das wird man doch noch mal sagen dürfen.

Jens Lehmann und die Offenbarung bei Sky

Die Kritik am Ex-Nationaltorwart ist teils ungerechtfertigt. Wer eine ehrliche Debatte über Homosexualität im Fußball will, muss es aushalten, wenn jemand über ablehnende Gefühle spricht. Der Skandal ist aber, wie Lehmann sein eigenes Klischeedenken zum Problem der Schwulen macht – und der DFB guckt zu.

Jens Lehmann hat im Laufe dieser Woche viel einstecken müssen, weil er im Gespräch über Homosexualität im Fußball allzu tief in der Kiste mit den Klischees gewühlt hat. Unser ehemaliger Nationaltorwart walzt das unvermeidliche Duschen aus, lässt sich darüber aus, dass man es dem Hitzlsperger ja gar nicht angesehen hat, undsoweiter undsofort. Das Gespräch im Original auf YouTube ist sehr empfehlenswert, denn beim Betrachten nimmt das Fremd-Schämen von Minute zu Minute zu – in den Zusammenfassungen kann das kaum angemessen wiedergegeben werden. Es ist ein gutes Zeichen, dass Lehmann so viel Gegenwind entgegenbläst. Herausgestochen ist aber die Augsburger Allgemeine, die Lehmann verteidigt:

Woher soll er denn wissen, was er gefühlt hätte? Was bitte ist daran verwerflich, sich möglicherweise seltsam zu fühlen, wenn man mit einem Schwulen zusammenduscht? … Auch da kommen sie wieder, die Aufgeklärten. Schütteln verzweifelt lächelnd ihren Kopf. Wie kann er nur, der Lehmann? Warum sollte denn ein Schwuler anders spielen als ein Heterosexueller? Also so was aber auch. Dabei gibt Lehmann einfach wieder, was zumindest einige denken.

In ähnlicher Richtung haben auch manche Nutzer in die Kommentarspalten der Nachrichtenportale geschrieben. Zum Teil ist da auch etwas Wahres dran: Wer eine ehrliche Debatte über Homosexualität im Fußball führen will, der muss sowas aushalten. Lehmann ist gefragt worden und hat eine ehrliche Antwort gegeben. Da kann man sogar schon etwas Gutes daran finden, dass er ohne Schönfärberei einen Einblick in die Psyche von Fußballern offenbart.

Kritik zu Recht, aber aus dem falschen Grund

Aber nun sollte man nicht meinen, dass Jens Lehmann zu unrecht kritisiert wird. So blöde das klingt: Lehmann kriegt es schon zu Recht ab, bloß aus dem falschen Grund. Er thematisiert ja selbst, dass er in Klischees denkt. Die Armseligkeit seiner Äußerungen liegt nicht darin, das auszusprechen. Es wäre völlig in Ordnung zu sagen: fühlt sich komisch an, ist aber Unsinn, wenn ich drüber nachdenke, da muss ich mit fertig werden. Die Armseligkeit liegt in Lehmanns Schlussfolgerung: Sie macht sein eigenes Schubladendenken zum Problem der Homosexuellen. Weil er seine Gedanken nicht kontrollieren kann, sollten schwule Fußballer sich lieber weiter verstecken. Das ist das Skandalöse.

Und damit kommen wir direkt zur zweiten Offenbarung dieses Wortwechsels: Die wenigen Minuten auf Sky zeigen schonungslos die Mutlosigkeit des Deutschen Fußballbundes. DFB-Präsident Niersbach sitzt daneben und hätte hier mit Anlauf zwischengrätschen können.

“Es ist nachvollziehbar, dass sich das erstmal merkwürdig anfühlt, aber daran werden wir uns sicher schnell gewöhnen. Dafür werden der Deutsche Fußballbund und ich als Präsident kämpfen. Und wir werden mit aller Macht die Spieler verteidigen, die sich nicht mehr verstecken wollen.”

Nein, das Zitat ist der Fantasie entsprungen. Das waren leider nicht Niersbachs Worte. Es blieb bei dem politisch angemessen entrüstetem Statement:

„Das überrascht mich ein Stück, wie Du das jetzt darstellst. Ich denke, da wären wir weiter, dass da genauso wenig wie über Hautfarbe, Religion oder sonstwas gesprochen wird. Es ist für mich, in meinem Freundeskreis totale Normalität.“

Was übrig blieb war Ratlosigkeit, warum es denn auf dem Fußballplatz so viel anders ist als im Freundeskreis. Vielleicht doch das Duschen? Es ist typisch für einen Verband, der über das Broschüren verteilen hinaus seine eigene Rolle bis heute nicht recht gefunden hat. Einen Verband, in dem Funktionäre einerseits den homosexuellen Fußballern ihre Solidarität versichern und im selben Atemzug indirekt vom Coming Out abraten. Um es mal in der Fußballer-Sprache zu sagen: Der DFB fremdelt mit seiner Position und findet irgendwie nicht ins Spiel. Ob sich unter solchen Umständen der Hitzlsperger dafür einwechseln lässt?

 

Hitzlsperger und der Mantel der Geschichte

Ein paar Gedanken über die historische Dimension von Thomas Hitzlspergers Coming Out. Wer meint, es komme zu spät und sei nicht mutig, sollte diesen Text lesen.

Es war Freitagabend, es war eine Party, es war Smalltalk. Ich stand auf dieser Party mit schwulen Sportlern zusammen, und wir hatten am Ende dieser Woche nur ein Thema: Jeder von uns hat erzählt, was er gerade gemacht hat, als er von Thomas Hitzlspergers Coming Out erfahren hat. So, wie wir es sonst von Erzählungen über den 11. September und den Mauerfall kennen. Das sagt eigentlich schon alles. Schwulen Fußballern hat so lange eine Identifikationsfigur gefehlt. Wie viele Teenager haben nach ihrem Coming Out ihr liebstes Hobby entnervt oder verängstigt aufgegeben, weil sie glaubten, für sie sei kein Platz im Fußball?

Der Erhängte und der Erstochene als Präzedenzfälle

Für die Diskussion über Schwule im Fußball ist Hitzsperger ein Glücksfall und man kann ihm nicht genug danken. Versetzen wir uns mal in seine Lage: Was mag in ihm vorgegangen sein, bevor er seine Entscheidung gefällt hat? Vielleicht hat er an die anderen Schwulen im Fußball gedacht? An den US-Nationalspieler Robby Rogers? Mit seinen zehn Einsätzen in der englischen zweiten und dritten Liga war er, der sich bei seinem Coming Out schon parallel eine Existenz als Mitbesitzer eines Modeunternehmens aufgebaut hatte, vielleicht nicht der Maßstab. Aus europäischen Spitzenligen blieben als Präzedenzfälle Justin Fashanu und Heinz Bonn. Der, der sich erhängt hat. Und der, der an Alkoholismus litt und vom Stricher erstochen wurde. Darüber sollten diejenigen mal nachdenken, die sagen, Hitzlspergers Coming Out komme zu spät und sei nicht mutig.

Wie lange hätten wir auf den nächsten wie ihn warten müssen?

Hitzlsperger hat sich davon nicht abschrecken lassen. Er ist ein kluger Mensch und wird seine eigene Rolle genau reflektiert haben: Er blickt auf eine außergewöhnliche Karriere zurück und ist wie kaum ein anderer geeignet, das Klischee vom verweichlichten Schwulen, der im Fußball nichts zu suchen hat, zu widerlegen. Einer mit mehr als 50 Länderspielen, ein Deutscher Meister, einer der für seinen Gewaltschuss den Spitznamen “The Hammer” bekommen hat. Im Vorspann habe ich von der “historischen Dimension” geschrieben. Das ist nicht nur meinem Hang zum Pathos geschuldet: Wenn Hitzlsperger sich nicht zum Coming Out entschlossen hätte, wie lange hätte es gedauert, bis ein anderer schwuler Fußballer mit einer vergleichbaren Karriere vor derselben Entscheidung geständen hätte? Fünf Jahre? Zehn Jahre? Es gibt Situationen, da eröffnet sich die Möglichkeit, mit seinem eigenen Handeln Geschichte zu schreiben. Diese Vorstellung kann Angst machen. Es ist nicht selbstverständlich, dann auch zuzupacken. Hitzlsperger hat den Mantel der Geschichte ergriffen. Wie der Grenzer an der Bornholmer Straße, der den Schlagbaum geöffnet hat. Und das meine ich völlig ernst.

Links:

  • Hamburger Abendblatt: Interview der Zukunft: “Dieses Tor widme ich meinem Freund” – Alexander von Beyme vom schwul-lesbischen Sportverein “Startschuss” in Hamburg über die Idealvorstellung über Fußball und Homosexualität. Thomas Hitzlsperger wurde in Wolfsburg davon abgeraten, sich zu outen.
  • Lokalfernsehen Hamburg 1: Hitzlsperger ist ein Glücksfall – Zu Gast im Studio ist der Sprecher des schwul-lesbischen Sportvereins „Startschuss“.

Gespielt wie Flasche halb voll oder halb leer?

Der Deutsche Evanglische Kirchentag in Hamburg diskutiert über Homophobie im Fußball: Kontrovers wurde die Debatte, wie die bisher erreichten Fortschritte zu bewerten sind. Ein Mutmach-Beitrag.

Die Zusammensetzung der Runde unter dem Motto “Let’s Talk About Sex – Homophobie im Fußball” ließ von vornherein nicht erwarten, dass es besonders heiß her gehen würde: Vertreter der “Queer Football Fanclubs” berichteten von ihrem Engagement in den Fankurven, “Versteckspieler” Marcus Urban erzählte von seiner Arbeit als Diversity Coach und DFB-Berater, der SPD-Bundestagsabgeordnete und Fachsprecher für Schwule und Lesben, Johannes Das Podium im Regenbogenzentrum beim DEKTKahrs, war als Politikvertreter dabei, und ich war als Journalist und Vorstandsmitglied des schwul-lesbischen Sportvereins Startschuss SLSV Hamburg eingeladen – alles also Leute, die sich im Ziel einig sind und sich schon lange entsprechend engagieren.

Überraschend fiel die Bewertung des Status Quo aus: Als ich meinen Eindruck schilderte, dass Diskriminierung deutlich abgenommen hat und heutzutage viele Startschuss-Sportler ihr Glück auch in “Hetero”-Vereinen finden, stieß ich auf harschen Widerspruch. “Falsch”, entgegnete kopfschüttelnd Marcus Urban, “es gibt in allen Bereichen immer noch massive Probleme.” Ein Gast aus dem Publikum richtete an meine Adresse die Kritik, dass Journalisten ein viel zu rosiges Bild zeichneten, unter anderem weil viele Betroffene sich mit ihrer Leidensgeschichte gar nicht an die Öffentlichkeit trauten.

Homophobie ist kein Nischen-Thema mehr

Dabei habe ich gar nicht behauptet,  dass Homophobie überwunden ist – ich bin nur der Meinung, dass im historischen Vergleich die Gesellschaft riesige Schritte weitergekommen ist. Der Umgang mit Homophobie ist sensibler geworden: Gerade erst hat Kaiserslauterns Stürmer Idrissou im Interview (hier das Video) einmal mehr das Klischee bedient, Schwule seien automatisch tuntig und könnten per se keine männliche Körpersprache haben – das haben auch Mainstream-Medien aufgegriffen und kritisiert. Früher gingen solche Äußerungen unter. Schwulen und Lesben empörten sich in ihren Community-Foren, auf Nischen-Websites und blieben unter sich. Schon dass es mittlerweile eine Öffentlichkeit dafür gibt, ist ein Fortschritt.

Die “Queer Devils” als schwul-lesbischer Fanclub konnten dem Spieler inzwischen persönlich erklären, was an seinen Äußerungen so bedenklich ist. Noch vor ein paar Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein Verein ein solches Treffen zulässt. Und der FCK berichtet auch noch auf seiner Homepage darüber. Bei aller Kritik an manchen Formulierungen lässt sich festhalten: Auch hier beteiligt sich der Proficlub daran, eine Öffentlichkeit herzustellen, die wichtig ist. Er tut es nicht als Pflichtveranstaltung ab nach dem Motto: “Treffen wir uns mal mit den Schwulen, um die ruhig zu stellen, aber reden wir nicht darüber.” Auch das ist ein Wandel!

Während Profi-Fußballer früher “irgendwas mit Schwul” gescheut haben wie der Teufel das Weihwasser, leben wir in einer Zeit, in der Philipp Lahm munter Interviews für Gay-Magazine gibt und Mario Gomez übers Coming Out philosophiert. Nicht über jeden Debattenbeitrag kann man glücklich sein, aber die Berührungsängste im Spitzensport schwinden – das ist ein Fortschritt.

Es gibt Strukturen und Unterstützer

Alex v. Beyme mit Johannes KahrsWir haben Strukturen aufgebaut wie die schwul-lesbischen Fanclubs und Sportvereine, die den Finger in die Wunde legen, und starke Unterstützer wie die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Auch die Verbände bewegen sich allmählich. Einige meiner Mitspieler bei den schwulen Fußballern von Startschuss spielen geoutet in “hetero-geprägten” Vereinen mit, nach meinem Eindruck waren es noch nie so viele. Nur einer von ihnen erzählte mir von heftigem Mobbing, die Mitspieler wollten ihn nicht mehr mit ihm duschen – kurzerhand wechselte er den Verein und wurde im neuen Club anerkannter Spielertrainer. Jeder Fall von Diskriminierung ist zu viel, aber bei allen Rückschlägen können wir doch froh sein: Es gibt sie mittlerweile, die positiven Beispiele, die wir vor Jahren so vermisst haben.

Es geht natürlich nicht schnell genug. Wir liegen mit dem Kampf gegen Homophobie im Fußball immer noch zurück, aber haben bisher gut gespielt – das sollte uns Selbstvertrauen geben. Schluss ist erst, wenn der Schiri pfeift.